20.01.2015

Lebhafte Diskussionen beim 2. Post-SABCS

Am Nachmittag des 9. Januar 2015 veranstaltete die ABCSG gemeinsam mit Universimed im Studio 44 im dritten Wiener Gemeindebezirk eine umfassende Zusammenschau der neuesten Daten aus San Antonio.

Nachdem schon das 1. Post-SABCS ein voller Erfolg war, lag die Latte für die zweite Veranstaltung dieses innovativen Fortbildungsformats naturgemäß hoch. Allerdings wurden die Erwartungen sogar noch übertroffen und es kamen wieder mehr als 200 Personen, um sich über die aktuellen Daten des San Antonio Breast Cancer Symposiums zu informieren.

(Epi)Genetik und globales BC-Risiko

Nach der Begrüßung von ABCSG-Präsident Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, der die Moderation auf Krücken bewältigen musste, startete Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Vesna Bjelic-Radisic von der Grazer Gynäkologie als erste Rapporteurin mit neuen Ergebnissen zu (erblichem) Brustkrebsrisiko, genetischen Faktoren, Epigenetik und Mutationen. Besonders hervorzuheben war bei diesem Vortrag die fundierte Einführung in die Epigenetik, die viele im Publikum begeistert hat. Einige Fragen aus dem Publikum gab es zu einem Poster, das sich mit dem Aspirinkonsum von BRCA1- und BRCA2-Trägerinnen beschäftigte und eine präventive Wirkung vermutete – allerdings war es schwer zu ermitteln, wie ein „regelmäßiger“ Konsum definiert werden kann, sodass hier doch einige Unsicherheit vorherrschte.

HER2-positives Mammakarzinom und Tumorimmunität

Nach diesem lebhaften und aufschlussreichen Vortrag konzentrierten sich die ZuhörerInnen auf die Ergebnisse zum HER2-positiven Mammakarzinom und zur Immuntherapie, die ihnen von Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Rupert Bartsch gewohnt kompakt und übersichtlich präsentiert wurden. Besonders die prädiktiven Faktoren geben noch Rätsel auf (z.B. PIK3CA mut.) und fraglich ist auch ihr Benefit im Hinblick auf die Therapie mit Trastuzumab. Hier zeichnen sich keine zuverlässigen Faktoren ab. Diese Suche wird wohl noch weitergehen, die Entwicklung bei der Aktivität von Pathway-Inhibitoren in Kombination mit Trastuzumab beim HER2-positiven, metastasierten Mammakarzinom bleibt vorerst offen.

TNBC

Dr. Simon Gampenrieder aus Salzburg hatte als Rapporteur das Themengebiet triple-negatives Mammakarzinom (TNBC), sowie Nebenwirkungsmanagement und Biomarker abzudecken. Einige Take-Home-Messages kristallisierten sich heraus, z.B. dass bei TNBC wöchentlich verabreichtes Paclitaxel im adjuvanten Setting wirksamer ist als die Gabe alle drei Wochen und dass Carboplatin offenbar nur bei BRCA1- und BRCA2-mutierten Tumoren wirksam ist. Im neoadjuvanten Setting scheint die wöchentliche Gabe von NabPaclitaxel statt Carboplatin eine neue Option zu sein, obwohl man hier die erhöhte Toxizität berücksichtigen muss. Auch zu Langzeitfolgen gibt es derzeit noch keine Daten.

ER-positives Mammakarzinom und endokrine Therapie

Über die aktuelle Entwicklung in der endokrinen Therapie und die Problematik mit Resistenzen berichtete OA Priv.-Doz. Dr. Michael Hubalek von der Frauenklinik Innsbruck. Hier gab es sicher die meisten Studien dazu, z.B. die FERGI-Studie mit dem PI3K-Inhibitor Pictilisib, bei der allerdings die Toxizität ein Problem war und zum Absetzen geführt hat. Das progressionsfreie Überleben hat sich im Vergleich zu Fulvestrant auch nicht signifikant verbessert.
Auch die OPPORTUNE-Studie beschäftigte sich mit Pictilisib, das signifikant die anti-proliferative Antwort auf Anastrozol beim Östrogenrezeptor-positiven Mammakarzinom verbesserte. Es scheinen besonders Luminal-B- und höher proliferative Karzinome bei akzeptablem Sicherheitsprofil von diesem Inhibitor zu profitieren. Die Antwort auf die Frage, wie die prämenopausale Frau in Zukunft endokrin behandelt werden soll, wurde ans Panel weitergereicht, das im Anschluss vorbereitete Fragen zu jedem einzelnen Rapporteur-Vortrag diskutierte. Auch das Publikum sah in der Compliance ein Problem, wenn endokrine Therapie über Jahre gegeben werden muss.

Mammachirurgie und Rekonstruktion

Den Abschluss des ersten Teils mit den aktuellen SABCS-Daten machte die Chirurgin Ass.-Prof. Dr. Ruth Exner, die einen chirurgischen Schwerpunkt hatte und außerdem auch die Radiotherapie berücksichtigte.
Es wurde deutlich, dass bei einer Brustrekonstruktion mit Implantat eine niedrigere, subjektive Zufriedenheit erreicht wird als bei brusterhaltender Chirurgie und dass eine beidseitige Rekonstruktion mit Implantat eine signifikant höhere Zufriedenheit bringt als eine unilaterale OP. Auch der „Angelina-Jolie-Effekt“ zieht weite Kreise und bringt immer mehr Frauen dazu, eine kontralaterale prophylaktische Mastektomie (CPM) vornehmen zu lassen – obwohl dieses Mammakarzinom immer seltener wird (von 0,5 % auf 0,2 % Risiko/Jahr) und die Mortalität durch diese Operation nicht reduziert wird. 68,9 % der Patientinnen mit CPM hatten weder ein genetisches noch ein familiäres Risiko für ein kontralaterales Mammakarzinom und man muss vermuten, dass sie diese Entscheidung möglicherweise ohne adäquate Information und psychosoziale Unterstützung getroffen haben.

Panel-Discussion

In der anschließenden Diskussion, bei der Univ.-Prof. Dr. Florian Fitzal spontan für den verhinderten Univ.-Prof. Dr. Hellmut Samonigg einsprang, mahnte Univ.-Prof. Dr. Christian Singer auch bei der Interpretation der chirurgischen Studienergebnisse zur Vorsicht, da seiner Meinung nach das untersuchte Patientenkollektiv zu undifferenziert war. Eine schlanke Frau mit kleiner Brust kann man nicht mit einer 60-jährigen, möglicherweise adipösen Patientin vergleichen. Auch Prof. Fitzal riet dazu, mit diesen Entscheidungen selektiv auf die Patientin einzugehen. Prof. Gnant fasst zusammen, dass zu viele völlig unnötige Mastektomien vorgenommen werden und warnte gemeinsam mit Prof. Singer vor diesem fragwürdigen Trend der „hemdsärmeligen Totalsanierung des Problems“.

Primetime und die Maus

Auch auf die anderen Vorträge wurde konzentriert eingegangen – trotzdem war die gute Laune und die Diskussionsfreude sowohl am Podium als auch im Publikum bemerkbar. Prim. Univ.-Doz. Dr. Michael Fridrik vom AKH Linz hielt bei den neuen Wirkstoffen vor allem Pictilisib für interessant und noch am vielversprechendsten – doch er musste Univ.-Prof. Dr. Günther Steger zustimmen, dass es nur Signale gibt und nichts reif für die „Primetime“ ist. Doz. Hubalek vertrat die Überzeugung, dass neoadjuvante Studien hier weiterhelfen können, obwohl es bislang eher enttäuschende Ergebnisse gibt.
Prof. Bartsch rief in diesem Zusammenhang dazu auf, nicht alle Substanzen über einen Kamm zu scheren und bei der Interpretation sehr vorsichtig zu sein. Die aktuellen Studien ABCSG 40 und ABCSG 38 werden eine Antwort bringen, wenn auch vielleicht nur in gewissen Aspekten. Daraufhin konnte sich Prof. Gnant einen Sinnspruch aus dem Altgriechischen nicht verkneifen: „Der Berg kreißte und gebar eine Maus.“ Prof. Steger hingegen war mit der Maus schon zufrieden („Immerhin eine Maus!“) – und das Auditorium sehr amüsiert.

Practice-Change in Österreich?

Zur Zukunft der endokrinen Therapie unterstützte das Publikum das Panel mit zum Teil hervorragenden Fragen und es wurde laut über einen practice-change in Österreich nachgedacht, der auf die ovarielle Suppression (OFS) verzichtet und prämenopausale Frauen mit Tamoxifen alleine behandelt (SOFT-Studie). An diesem Nachmittag einigte man sich allerdings darauf, bei low-risk-Patientinnen Tamoxifen mono zu verabreichen, bei high-risk-Fällen aber weiterhin auch OFS gegeben werden soll. Doz. Fridrik und Prof. Steger wollten diese Behandlung als „Reservestrategie“ parat haben, wenn Patientinnen keine Aromataseinhibitoren vertragen, wobei man hier besonders das Osteoporoserisiko beachten muss.

ABCSG 41/OlympiA

Als der Vortrag von Dr. Gampenrieder am Podium diskutiert wurde, meldete sich Prof. Bartsch einige Male mit Widerspruch – es ging um Platine als neoadjuvante Therapie des TNBC. Prof. Steger machte sich für ein Ende dieses Standards stark, Prof. Gnant sah keinen Benefit bei BRCA-Patientinnen. Dr. Gampenrieder gab auch zu bedenken, dass es für Carboplatin noch keine Overall-Survival-Daten gibt. Prof. Steger ergänzte, dass eine derartige Toxizität nichts in einer neoadjuvanten, also kurativen Therapie verloren hat. Hier war Prof. Bartsch anderer Meinung, was Prof. Gnant amüsiert kommentierte – immerhin gibt es hier prickelnderweise ein Spannungsfeld innerhalb eines Zentrums.
Die Diskussion um BRCA nahm Prof. Singer zum Anlass, zur Randomisierung in ABCSG 41 aufzurufen, denn in allen 41er-Zentren ist ein BRCA-Test sowie eine PARP-Inhibitor-Therapie viel schneller möglich als in anderen Krankenhäusern. Den Stellenwert für Bevacizumab im neoadjuvanten Setting bewertete Doz. Fridrik als vernachlässigbar, man kam überein, dass das nur in Ausnahmefällen sinnvoll ist.

„Glück macht glücklich!“

Bei der Besprechung des Rapporteur-Vortrags von Prof. Bjelic-Radisic drehte sich vieles um die WINS-Studie, die ein statistisch signifikant besseres Overall-Survival bei Patientinnen mit HR-negativem Mammakarzinom, die eine „low-Fat-Diät“ einhielten, zeigt. Dieser Effekt blieb bei HR-positivem Brustkrebs allerdings aus. Erstaunlich war in erster Linie, dass hier erstmals Daten vorliegen, die die Ernährung miteinbeziehen, meinte Prof. Gnant. Doz. Fridrik widersprach, dass man gesunde Ernährung auch ohne konkrete Daten empfehlen kann, und Prof. Fitzal sprach sich generell dafür aus, dass Patienten eine möglichst gesunde, aber jedenfalls angenehme Lebensweise anstreben sollten, da sie vielfach mit der Krankheit besser umgehen können, wenn sie generell zufrieden sind – ganz nach dem Motto „Glück macht glücklich“.

„We are still confused, but on a higher level“

Die Daten zur Rolle der Small Molecules (Pathway-Inhibitoren) bei HER2-positivem Mammakarzinom aus Prof. Bartschs Vortrag wurden unterschiedlich aufgenommen – Prof. Gnant sah hier keinen großen Wurf und Doz. Fridrik meinte, dass die allgemeine Verwirrung zwar nun auf einem höheren Level stattfindet, aber eben noch vorhanden ist. Prof. Bartsch sieht hier ein Feld, das immer besser behandelbar wird, auch Prof. Singer musste zugeben, dass sich hier einiges tut. Prof. Steger sieht klinisch positive Studien, die allerdings statistisch noch keine Relevanz haben. Einig war sich das Panel hinsichtlich prognostischer Faktoren – man braucht keine weiteren, und es zeichnen sich ja auch keine neuen ab.

Nach dieser harmonischen Schlussrunde bedankte sich Prof. Gnant bei allen TeilnehmerInnen auf der Bühne und im Zuschauerraum für fünf Stunden Konzentration, Anregungen und Diskussion. Im Anschluss waren durchwegs positive Rückmeldungen zu diesem adaptierten Format des Post-SABCS zu vernehmen und man plauderte auch beim Buffet noch angeregt über die eine oder andere Datenlage. Es war ein sehr erfolgreicher und gelungener Abend und wir freuen uns, wenn Sie auch nächstes Jahr wieder dabei sind!

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